Mit den „Dresdner Thesen“ legen Rail.S e. V., der VDE ETG e. V. und der DMG e. V. ein gemeinsames Impulspapier zur Zukunft des Systems Bahn vor. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich das Bahnsystem in Deutschland mit mehr Systemkompetenz, klaren Zuständigkeiten und einem strategischen Gesamtblick leistungsfähiger, resilienter und innovationsfreundlicher aufstellen lässt.

„Wenn wir die Eisenbahn als volkswirtschaftlich relevanten Verkehrsträger stabilisieren und zukunftsfähig weiterentwickeln wollen, dann müssen wir die Systemkompetenz im Sektor Bahn wieder klar verorten. Wir brauchen eine Instanz mit betrieblich-technischer Kompetenz für das Gesamtsystem und Mandat für strategische Entscheidungen. Den Handlungsbedarf beschreiben wir in unseren Dresdner Thesen.“ – Prof. Dr.-Ing. Arnd Stephan, Vorstandsvorsitzender von Rail.S e. V.

Die 7 „Dresdner Thesen“ im Überblick

  1. Systemkompetenz mit Mandat: Die Eisenbahn funktioniert nur als Gesamtsystem aus Fahrzeugen, Infrastruktur und Betrieb. Es muss eine zentrale Instanz mit Mandat und Fachkompetenz geben, die eisenbahnsystemrelevante Fragen aufnimmt, Lösungen selbst oder mit Partnern im Sektor erarbeitet und unter Beteiligung der Branche bewerten sowie entscheiden kann.
  2. Strategische Netzentwicklung: Damit die Verkehrswende nachhaltig und tatsächlich gelingen kann, braucht das Land einen Plan für die strategische Netzentwicklung inkl. Elektrifizierung und Digitalisierung des Bahnbetriebes. Dabei ist eine weitere Steigerung der Komplexität unseres Sektors, z.B. durch die Regionalisierung der Infrastruktur, unbedingt zu vermeiden. Durch die zusätzlichen Schnittstellen wird das System komplexer und verliert an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den konkurrierenden Verkehrsträgern.
  3. Resilienz, Flexibilität und Leistungsfähigkeit: Betriebliche Resilienz, hohe Flexibilität und Leistungsfähigkeit müssen maßgebliche Ziele bei der Spezifikation und Ausgestaltung sämtlicher Anlagen und Betriebsmittel sein.
  4. Planungssicherheit durch langfristige Finanzierung: Langfristige Finanzierung von strategischen Themen ist eine entscheidende Grundlage für Planungssicherheit, um die Leistungsfähigkeit des Sektors zu erhöhen. Eine zentrale Instanz muss neutral und unabhängig Prioritäten für die Systementwicklung setzen. Die Wahrnehmung dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe bedarf einer Mandatierung und Finanzierung durch den Bund.
  5. Vorbild ERTMS-Koordinierungsstelle: Die Innovations- und Handlungsfähigkeit in unserem komplexen Bahnsystem wird sich am ERTMS-Rollout in Deutschland zeigen. Die Einführung von ETCS und FRMCS betrifft den gesamten Sektor: Sie bedarf eines gemeinsamen und zwischen Infrastruktur und Fahrzeugflotten abgestimmten, mehrjährig angelegten Rolloutplanes und einer verlässlichen Finanzierung.
  6. Wettbewerb als Teil einer Gesamtstrategie: Entscheidend für die Wahl des Verkehrsträgers sind Qualität, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit im Preis. Das Bahnsystem funktioniert aus Kundensicht nur, wenn es als Gesamtnetz konzipiert, gestaltet und betrieben wird. Wettbewerb unter den Betreibern ist kein Selbstzweck, sondern muss Teil einer Gesamtstrategie sein.
  7. Abbau von Überregulierung: Überregulierung abzubauen ist eine entscheidende Voraussetzung für die zügige und wirtschaftliche Umsetzung von Fahrzeug- und Infrastrukturprojekten. Dies betrifft sowohl aufwändige Genehmigungsprozesse als auch umfangreiche technische und betriebliche Anforderungen.

Entstehung der „Dresdner Thesen“

Die „Dresdner Thesen“ gehen auf das Rail.S/VDE-Symposium „Systemkompetenz Bahn – ein erster Schritt aus der Hölle“ zurück, das Anfang 2026 in Dresden stattfand. Rund 80 Fachleute des Bahnsektors warfen dort einen analytischen „Blick von innen“ auf die aktuelle Funktionsfähigkeit des Systems Bahn im Dreiklang von Infrastruktur, Fahrzeugen und Betriebsführung. Im Fokus standen unter anderem überbordende Zulassungs- und Nachweisprozesse sowie die unterschiedlichen Rollen und Interessen von Bahninfrastruktur- und Bahnverkehrsunternehmen.

Aus diesen Diskussionen wurden sieben Thesen abgeleitet, die konkrete Handlungserfordernisse zur nachhaltigen Verbesserung des Gesamtsystems Bahn formulieren. Sie sind ausdrücklich kein Ruf nach mehr Geld, sondern ein Plädoyer für einen klugen Umgang mit begrenzten Ressourcen, für mehr Effizienz und für Entscheidungsfähigkeit mit Systemkompetenz.

 

Systemkompetenz Bahn – Die „Dresdner Thesen“ in der Originalfassung herunterladen.

Rail.S/VDE-Symposium 2027: Das nächste Rail.S/VDE-Symposium zum Thema „Systemkompetenz Bahn − Fahrzeugantriebe & Energieversorgung“ findet am 13.-14. Januar 2027 in Dresden statt.

 

Quelle/Foto: Rail.S