Wie kann Deutschland wieder Taktgeber und Innovationsführer werden? Das war eine der Kernfragen, die den Expertinnen und Experten aus Forschung, Politik und Gründerszene im Rahmen der Podiumsdiskussionen zur DVF-Veranstaltung NextGeneration Mobility gestellt wurden.

Berit Dannenberg, Geschäftsführerin von der Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIN-D, zeigte einen Lösungsansatz auf: „Gemeinsam mit zahlreichen Partnern engagieren wir uns im Projekt „IP-Transfer 3.0“ für schnellere Verhandlungen und gründungsfreundliche Konditionen. Die Projektpartner haben gemeinsam mit der Pilotgruppe sowie externen Experten das Transfer-Taschenmesser entwickelt. Dieser Baukasten gibt sowohl den Wissenschaftseinrichtungen als auch den Gründungsteams Werkzeuge an die Hand, um den IP-Transfer-Prozess an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen zukünftig zu beschleunigen und gleichzeitig transparent und fair zu gestalten.“

Denn in einer Phase, in der die Gründer noch keine Einnahmen erzielen, könne laut Dannenberg bereits die Verhandlung über die Nutzung des „Intellectual Properties“ mit der Hochschule oder der außeruniversitären Forschungseinrichtung das Ende einer Deep-Tech-Ausgründung bedeuten, weil potenzielle Gründer mit sofort zu bezahlenden Lizenzkosten konfrontiert seien. Hier sei mehr Agilität gefragt.

Diese forderte auch Dr. Florian Eck, Sprecher der DVF-Geschäftsführung: „CO2-Ziele, Kapazitätsengpässe und marode Infrastrukturen erhöhen den Druck auf die Verkehrssysteme. Doch für viele Herausforderungen gibt es marktreife Antworten. Wir können uns ein Zaudern vor technologischen Umbrüchen nicht leisten, Innovationen müssen viel schneller als bisher in den Mobilitätsmarkt gelangen. Daran arbeiten wir mit unserem Format „NextGeneration Mobility“, indem wir Branche, Hochschulen und Politik zusammenbringen und gemeinsam die Zukunft gestalten“, so Eck. An die Politik gerichtet sagte Eck, es müsse eine positive Einstellung gegenüber Innovationen herrschen, denn viele Rahmenbedingungen zu Finanzierung, Risikokapital, Zulassungsverfahren, Datenschutz und Cybersicherheit würden politisch bestimmt und von der öffentlichen Hand reguliert. Mehr Flexibilität und Innovationsfreundlichkeit in Genehmigungsverfahren, Mut zur Straffung und Vereinheitlichung behördlicher Prozesse und ein Mindset, mit dem sich auch die Verwaltung als Enabler begreift, seien essenziell, um Innovationen Made in Germany wieder stärker anzukurbeln.

Deutschland gehöre weiterhin zu den bedeutendsten Industrienationen der Welt, betonte Dr. Saskia Ludwig MdB, CDU/CSU-Fraktion, Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie, Deutscher Bundestag. „Unsere Stärke liegt in unserem starken Mittelstand und exzellenter Forschung – wir verfügen über enormes Know-how und weltweit anerkannte Qualität.“ Ludwig sah aber gleichzeitig enorme Schwächen und Hindernisse, wie hohe Energiepreise, lange Genehmigungsverfahren und bürokratische Hürden. Dies seien Innovationsblocker, zudem würden Staat und Verwaltung in der Digitalisierung hinterherhinken. „Für den Standort Deutschland bedeutet das: Industrie und digitale Technologien dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern müssen enger zusammenwachsen. Moderne Industrie wird nur durch Innovation wettbewerbsfähig bleiben. Unser Ziel muss stets sein, dass neue Technologien nicht nur hier erforscht, sondern auch hier entwickelt, produziert und skaliert werden.“

„Zwischen Labor und Markt verlieren wir zu viel Zeit – durch kleinteilige Förderlogiken, zu langsame Verfahren, zu wenig Wachstumskapital, fehlende Datenverfügbarkeit und eine Verwaltung, die Innovation oft eher behindert als ermöglicht“, stimmte Dr. Andrea Lübcke MdB, Obfrau der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Ausschuss für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Deutscher Bundestag, zu und legte den Fokus auf Strukturreformen: „Bisher lag der Fokus des Hightech-Agenda-Prozesses auf der Ableitung von Technologieroadmaps. Wenn daraus marktfähige Innovationen und industrielle Wertschöpfung entstehen sollen, brauchen wir echte Strukturreformen: schnellere Förderverfahren, größere und weniger kleinteilige Programme, mehr privates Wachstumskapital, bessere Dateninfrastrukturen, Reallabore, innovationsfreundliche Regulierung und eine öffentliche Beschaffung, die neue Technologien gezielt in die Anwendung bringt. Entscheidend ist, dass Wissenschaft, Start-ups, Mittelstand, Industrie und Verwaltung nicht nacheinander, sondern von Anfang an gemeinsam denken.“

Auch Prof. Dr. Martin Schwemmer, Professor für Internationale Verkehrsbetriebswirtschaft und Logistik, Hochschule Heilbronn, sah Probleme bei der Einführung von Innovationen in den Markt: „Wenn wir an neuen Technologien oder Innovationen forschen, dann sollten diese anschlussfähig sein in Prozesse, Märkte, bestehende Umsysteme. Das ist meiner Ansicht nach nicht immer gegeben.“ Und weiter: „Für Innovation findet man immer genug Beispiele, wir wollen aber ja gerne erreichen, dass diese sich in der Breite etablieren. Denn Innovationen sollen möglichst vielen Unternehmen helfen, nicht nur wenige Leuchttürme hervorbringen. Beim „in die Breite bringen“ gibt es sicher noch großes Potenzial.“ So könnten etwa bei Forschungsanträgen auch kleine Hebel eine Vereinfachung bewirken und einen Bürokratieabbau anstoßen.

 

Quelle/Foto: DVF/Photothek