Unter 76 Prozent: Die Pünktlichkeit im Fernverkehr der Deutschen Bahn ist auf einen erschreckenden Wert gesunken.

Eine Pünktlichkeit, die schlechter ist als 2015, ein in zwei Schritten zurückgenommenes Ergebnisziel, eine „ab sofort“ geltende Ausgabensteuerung: Richard Lutz, Chef der Deutschen Bahn, hat in einem Schreiben an die Führungskräfte des Unternehmens, das der Nachrichtenagentur Reuters vorliegt und über das der „Spiegel“ am Sonntag erstmals berichtete,  den besorgniserregenden Zustand der Deutschen Bahn aufgezeichnet. Das Nachrichtenmagazin Spiegel bezeichnete dieses Schreiben als Brandbrief.

Diesen konnte Lutz teilweise auch mit konkreten Zahlen belegen. So ist etwa die Pünktlichkeit beim Fernverkehr weiter abgerutscht und liegt per August mittlerweile bei unter 76 Prozent. „Damit ist sie schlechter als 2015, als wir mit Zukunft Bahn gestartet sind. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit ist außerdem klar, dass wir 2018 weder die Vorjahreswerte und schon gar nicht unser Ziel erreichen werden“, schreibt der Bahnchef, „das ist ärgerlich. Natürlich hat auch die Hitzewelle der letzten Wochen ihren Einfluss gehabt. Zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme gehört aber auch, dass wir unsere eigenen Themen wie zum Beispiel die Fahrzeugverfügbarkeit schlicht nicht im Griff haben.“

Auch auf die negative, finanzielle Entwicklung wies der Bahnchef seine Führungskräfte hin und konnte auch diese mit Zahlen untersetzen: Die Einzelmonate Juni und Juli waren schlecht und die negative Abweichung zum Plan hat sich auf mittlerweile 160 Millionen Euro vergrößert. Das ursprüngliche und bei der Jahresbilanz 2017 verkündete Ergebnisziel für das Gesamtjahr 2018 in Höhe von 2,2 Millarden Euro wurde deshalb bereits in zwei Schritten auf 2,1 Millarden Euro zurückgenehmen müssen. Richard Lutz befürchtet sogar noch einen weiteren Rückgang: „Wenn sich der Trend aus den letzten beiden Monaten fortsetzt und wir die aktuellen Indikationen aus den Geschäftsfeldern ernst nehmen, steht auch das auf 2,1 Millarden Euro reduzierte Ergebnisziel im Risiko.“

Um das zu verhindern, habe man am Dienstag der vergangenen Woche im Vorstand eine qualifizierte Ausgabensteuerung für den Systemverbund Bahn beschlossen – die Konzernleitung selbstverständlich eingeschlossen.  Diese Ausgabensteuerung gelte „ab sofort“ und „bis auf Weiteres“. Sie sei nicht befristet. Sinnvolle und notwendige Ausgaben für den laufenden Betrieb und für alle Anstrengungen, die im Sinne der Kunden, Qualität, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit seien, laufen in jedem Fall weiter. Auf lange Sicht müsse die Managementkompetenz bei Prozessen, Steuerung und Führung verbessert. Aber: Lutz möchte keinen puren Aktionismus. Bei der bloßen Problembeschreibung dürfe es nicht bleiben. „Führungsverantwortung heißt auch, konkrete Maßnahmen abzuleiten und vorzuschlagen, wie das Problem gelöst werden kann, und diese Maßnahmen dann auch konsequent und diszipliniert umzusetzen“, schreibt der Bahnchef, „es kommt darauf an, dass wir die Lebensrealität unserer Kunden und Mitarbeiter verbessern. Das muss unser Maßstab sein. Analysen, die auf dem Papier verbleiben, sind wertlos!“

Foto: Deutsche Bahn AG/Claus Weber